Totalschaden

Liebe Leser von www.der-andere-hausarzt.de,

dieser Blog ist von außen auf ziemlich üble Weise angegriffen und teilweise zerstört worden. Wenn man es witzig nehmen will, muss man wohl sagen, ich habe da jemandem zu sehr auf die Füße getreten. Aber eigentlich ist mir nicht zum Spaßen zu Mute. Man fühlt sich schon ziemlich ausgeliefert, wenn so etwas passiert.

In wieweit die Reparaturarbeiten funktionieren und dann alles wieder auf Dauer stabil ist, ist schwer vorherzusagen. Um im medizinischen Milieu zu bleiben, gleicht das wohl der Frage: Wie lange dauert eine Bronchitis? Oder womöglich: Wie lange dauert eine Krebserkrankung?

Weil niemand konkrete Antworten geben kann, habe ich mich entschlossen, so oder so, eine Blog-Pause einzulegen. So bin ich davon befreit, jeden Tag nachzusehen, wie es läuft. Wie lange die Pause dauert, weiß ich im Moment selbst nicht. Lassen Sie einfach Ihre RSS-Feeds aktiviert und sehen, ob www.der-andere-hausarzt.de wieder ein Lebenszeichen abgibt.

Auf jeden Fall danke ich auf diesem Wege all meinen Lesern für Ihre teils über dreijährige Treue, für die interessanten Kommentare, für die positiven, wie für die wutschnaubenden und für die Denkanstöße aus Patientensicht und aus Sicht meiner Kollegen. Das beide Gruppen immer wieder engagiert auf meine Beiträge reagiert haben, hat mich besonders gefreut. Diese Tatsache gilt übrigens auch für die Rückmeldungen auf mein Buch Hausarzt Dr. Kunze hört (nicht) auf. Selbstverständlich danke ich auch meinen Freunden, Bekannten und Verwandten für Ihre positive Begleitung dieser Seite bis hierher.

Hausarzt Dr. Kunze wird auf Facebook und Twitter mit unterschiedlicher Intensität sein eigenständiges Leben fortführen und vor allem geht meine Schreiberei weiter. Auf diese Weise ist mehr Zeit für die in meiner Schublade schmorenden Romanprojekte.

Bleiben Sie gesund

Ihr

Wolf-Peter Weinert

Der andere Hausarzt

Operationswut am Beispiel des Schultergelenks

Operationswut am Beispiel des Schultergelenks

Das kranke Schultergelenk ist ein sehr gutes Beispiel für die Operationswut in Deutschland. Dabei geht es fast immer um das sogenannte Impingement-Syndrom, frei übersetzt – Schulterengpass-Syndrom.

Schulterschmerz

Die Schulter und ihre Erkrankungen sollen an dieser Stelle nicht vollständig erklärt werden, nur so viel:

Eine entzündliche Schwellung unterhalb des Schulterdaches oder ein Einriss, der dort vorhandenen Sehnen ist extrem schmerzhaft. Wer jemals unter einem klassischen Impingement-Syndrom gelitten hat, wird das bestätigen. Kaum ein verletztes Gelenk sendet derart massive Schmerzsignale wie die Schulter.

Gefahr der Versteifung

Dazu kommt, dass das Schultergelenk extrem anfällig für krankhafte Bewegungseinschränkungen ist, sogenannte Kontrakturen, die, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden, dauerhaft bleiben können.

Ein Syndrom fasst viele Symptome zusammen

Unterhalb des Schulterdaches sind die Verhältnisse bereits im Normalzustand dicht gedrängt, Muskeln, Sehnen, Schleimbeutel, alles beansprucht den im bescheiden Maß unter dem Schulterdach vorhandenen Platz. So kommt es bereits ohne Verletzung oder Verschleiß zum Impingement (Anstoßen, Einklemmen). Verändern sich die Verhältnisse durch Entzündung oder Verletzung und kommen Spornbildungen an den Knochen und Kalkeinlagerungen hinzu, wird es richtig eng und – schmerzhaft.

Das ist der Grund, warum im Falle des Impingement-Syndroms, der Arm kaum bis zur Waagerechten angehoben werden kann. Forciert man das Anheben als untersuchender Arzt passiv, geht der Patient in die Knie.

Unlogisches Fazit

Schmerzen, Anfälligkeit für Versteifung und Enge durch Schwellungen, sind per se Erscheinungen, die nicht gerade für eine operative Therapie sprechen.

Eine Operation löst nämlich Schmerz aus, erhöht die Versteifungsgefahr eines Gelenkes und bewirkt Schwellungen. Trotzdem wird die erkrankte, deutsche Schulter auf Teufel komm‘ raus operiert. Damit ist klar, dass die Gründe, die für eine Operation sprechen, anderswo liegen müssen.

Geduld – eine verlorene Tugend

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Wird zu viel operiert?

Über die Beantwortung dieser Frage sind sich Deutschlands Mediziner sicher weitgehend einig. Die einen sagen es laut, die anderen, die von der Operationswut profitieren, denken es im Stillen und sagen es erst, wenn sie aus dem Geschäft ausgestiegen sind:

Ja, es wird viel zu viel operiert!

Einigen wenigen chirurgisch tätigen Ärzten wird das tägliche Geschäft des Operierens so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass sie nicht mehr einmal denken, es könnte zu viel sein. Außerdem werden sie, wie fast jeder andere Berufstätige, in finanziellen Zwängen stecken.

Warum geht es immer so weiter?

Nun, zunächst einmal, weil immer weiter tausende Ärzte und Krankenhäuser vom Viel-Operieren profitieren.

Aber das ist nur ein Grund.

Mindestens ebenso bedeutend geworden ist die fordernde Haltung des modernen Patienten.

Ärzte werden heutzutage solange ausgesucht, aufgesucht und konsultiert, bis einer gefunden wird, der den Schaden wegoperiert.

Dass eine Krankheit womöglich nicht mit medizinischen Mitteln heilbar ist oder zumindest nicht in einem ausreichend kurzem Zeitraum, ist heute kaum noch verständlich zu machen. Unsere Gesellschaft sieht ein Versagen der Medizin für Schnellheilung oder Ausheilung nicht vor. Das beginnt beim banalen grippalen Infekt. Milliarden werden mit Antibiotika umgesetzt, die einen Virusinfekt abkürzen sollen – medizinischer Nonsens, der oft genug vom Patienten gefordert wird. Wenn Sie sich fragen, warum Ärzte diesem Unsinn nachgeben, dann lautet meine Gegenfrage, warum verunstalten Ärzte Menschen wie die Herzogin von Alba, Dagmar Berghoff oder Sylvester Stallone, um nur einige bekannte „Opfer“ der Chirurgie zu nennen.

Fehlende Zeit und schwindendes Vertrauen

Selbst, wenn man sich als Hausarzt Mühe gibt und sich die Zeit nimmt, sind ins Patientengehirn implantierte Operationswünsche schwer zu entfernen. Der notwendige verbale Eingriff braucht Zeit, manchmal endlos viel Zeit, die häufig nicht zu Verfügung steht.

Wie oft erlebe ich es, dass ich mir nur einzelne Kandidaten herauspicken kann, bei denen ich glaube oder hoffe, innerhalb eines angemessenen Zeitraumes von einer überflüssigen Operation abraten zu können. Viele andere muss ich sehenden, machtlosen Auges in den Operationssaal marschieren lassen.

Wie erfrischend ist da der Patient, der am letzten Donnerstag zu mir kam und sagte: Der Orthopäde will mich operieren. Ich sollte auch gleich einen Termin für die nächste Woche bekommen. Aber da habe ich gesagt, dass ich erstmal mit meinem Hausarzt sprechen muss.

Und in der Tat: In diesem Fall war die Indikation zum chirurgischen Eingriff geradezu ein Witz, allerdings ein schlechter. Die Operation konnte rechtzeitig abgewendet werden. So ein Verlauf ist möglich, wenn Patient und Hausarzt eine vertrauensvolle Beziehung führen.

Allerdings würde mit dem Beruf des Hausarztes die letzte persönliche, neutrale, ärztliche Instanz in der Medizin verloren gehen.

Lesen Sie den nächsten Artikel zum Thema: Operationswut am Beispiel des Schultergelenks.

Zweigpraxis auf dem Land – das erste Quartal ist vollbracht!

Seit Jahrzehnten betreiben wir eine Hausarztpraxis in einer Kleinstadt mit ländlicher Umgebung, die ständig gewachsen ist. Seit dem 1. Juli diesen Jahres ist eine Zweigpraxis auf dem Land dazu gekommen. Wir sind sieben Ärzte, fünf Teilhaber, ein zukünftiger Teilhaber, dazu ein Weiterbildungsassistent. Drei Ärzte versorgen, neben ihrer Tätigkeit in der Hauptpraxis, die Praxis auf dem Land. Der Assistenzarzt ist hier und da im Einsatz.

Für die Patienten der Landarztpraxis gab es mit dem 1. Juli einiges zu verkraften:

  1. der langjährige Hausarzt (über 30 Jahre) hat sich weitgehend zurückgezogen. Viele Patienten vermissen ihn, zumal es sich in diesem Falle um eine Seele von einem Menschen handelt. Ein Arzt, der lieber sich ausbeutet als einem Patienten einen Wunsch abzuschlagen. Das hat sich geändert. Nicht, dass wir Unmenschen wären, aber es läuft halt anders, und wir alle wissen, wie es mit dem „anders“ ist, wenn etwas 30 Jahre lang gewohnheitsmäßig abgelaufen ist
  2. die neue Praxisführung arbeitet, wenn irgend möglich organisiert, das heißt mit einer Terminsprechstunde. Selbst die meisten Notfälle lassen sich großteils organisieren. Die Ära, in der Patientenwunsch an den Hausarzt und dessen Erfüllung zeitlich nahezu eine Einheit sind, sind vorbei (vom echten Notfall abgesehen)
  3. Rezepte und Überweisungen sollen neuerdings möglichst vorbestellt werden, dafür wurde extra eine Telefonnummer eingerichtet. (Was für ein neumodischer Kram, der sich als gar nicht so schlecht herausstellt, weil man sich nicht mehr in das Getümmel am Tresen stürzen muss)
  4. überall stehen neuerdings Computer in der Praxis herum (Was sich als gar nicht so schlecht herausstellt, weil so alle Informationen überall zur Verfügung stehen. Auf diese Weise sind z. B. telefonische Kontakte oder Kontakte in der Sprechstunde auch möglich, obwohl die Praxis auf dem Land nicht geöffnet ist)
  5. immer ist ein anderer Arzt da. Was nur gefühlt so ist, da jeder unserer Ärzte auf dem Land bestimmte Sprechstunden anbietet, allerdings ist der Gegensatz zu vorher natürlich riesig
  6. früher war es schöner (ein gern in allen Lebenslagen ausgesprochenes Pauschalurteil). Nicht einmal im Wartezimmer kann man mehr in Ruhe sitzen und schnacken, weil man mit Termin so schnell dran ist

Drei, vier Wochen lang hatten wir mit reichlich Kommentaren, Beurteilungen und Verurteilungen zu kämpfen. Die negativen Stimmen waren allerdings nur gefühlt in der Mehrzahl, die absolut meisten Patienten sind sehr glücklich, dass es überhaupt weitergeht mit der ärztlichen Versorgung im Dorf und auf dem Land. Nur wissen wir alle, ganz besonders in einer Hausarztpraxis, wie einige wenige, die Stimmung drücken können. Aber Geduld lohnt sich, auch im Fall unserer Zweigpraxis.

Bereits jetzt, nach dem Abschluss des ersten Quartals, hat sich Vieles eingespielt. Die negativen Stimmen sind leise geworden, viele verstummt. Schneller als erwartet. Wir hatten uns ein Jahr Geduld verordnet, denn immerhin haben wir den Patienten tatsächlich einiges an Veränderungen zugemutet und tun es noch.

Aber wenn nicht jetzt die Regeln ändern, wann dann?

Datenklau bei österreichischer Krankenkasse

So viel zur Sicherheit
Die österreichische Hackergruppe Anonymous ist in den Besitz von über 600.000 Datensätzen der Tiroler Gebietskrankenkasse gelangt. So, wie es klingt, mussten die Computerfreaks sich nicht einmal großartig anstrengen. Denn nach eigener Aussage sind sie über die Daten gestolpert, als sie das Paket bei einem Onlinespeicherdienst entdeckt haben. Da liegen also sensible Patientendaten einfach so in einer Internet-Datenwolke, eine Wolke vor der jeder Privatmensch hinreichend gewarnt wird, weil die Daten dort nicht sicher sind.
600.000 Versicherte müssen jetzt darauf vertrauen, dass die Hacker Wort halten, denn sie haben angegeben, die Daten nicht nutzen zu wollen. Ein netter Zug. Vielleicht netter sogar, als die scheinheilige Aussage eines führenden Vertreters der TGKK, die Hacker wären nicht in den Besitz vertraulicher Daten gelangt. Fragt sich, wer ist hier eigentlich der Feind. Dazu ein Bild (zum Vergrößern anklicken) von der Website der Krankenkasse von heute Nachmittag. Kein Wort zu dem brisanten Fall.
Vorfreude auf die elektronische Gesundheitskarte in Deutschland
Da können wir uns in Deutschland auf den Zeitpunkt freuen, wenn mit der neuen eGK, Informationen wie Dauerdiagnosen, Medikamenteneinnahme, zurückliegende Operationen und dergleichen mehr gespeichert werden können. Aber das soll ja alles gar nicht sein – erstmal.
Wer hat, der hat
Übrigens, neueste Zahlen verraten die immensen Kosten der Einführung der neuen elektronischen Gesundheitskarte. Allein auf Seiten der Krankenkassen und der Ärzte verschlingt die neue Karte je 150 Millionen Euro, macht 300 Millionen Euro, nicht eingerechnet die Entwicklungskosten, die nochmal in gleicher Höhe zu Buche schlagen sollen. Summa summarum mehr als eine halbe Milliarde Euro Kosten.

Braucht ein Arzt einen Doktortitel?

Doktortitel stehen zur Zeit in der Diskussion. Öffentliche Personen wie zu Guttenberg, Koch-Mehrin und andere plagen sich mit Plagiatsvorwürfen. Ihre Titel haben sie sämtlich in einer anderen Wissenschaft erworben als der medizinischen. Wenn in der Medizin um den Doktortitel diskutiert wird, geht es weniger um Plagiatsvorwürfe. Hier entfacht sich der Streit viel mehr an Sinn, Zweck und Wesen der Promotion. Plagiatsvorwürfe sind in der Medizin allein deswegen nebensächlich, weil der Erwerb eines Doktortitels in der Medizin vergleichsweise leicht ist, so dass sich das Abschreiben kaum lohnt.
Wahre Wissenschaft?
Während in anderen Wissenschaften die Promotion häufig an eine mehrjährige berufliche Tätigkeit gekoppelt ist, erwirbt ein Gutteil der Mediziner den Doktortitel bereits während des Studiums – ganz nebenbei oder bereitet den Erwerb doch soweit vor, dass die Doktorarbeit kurz nach Ende des Studiums fertig gestellt werden kann. Unvorstellbar in anderen Fakultäten. Physiker, Betriebswirte oder Biologen schmunzeln (oder grollen) über den Doktortitel mit minderem Aufwand in der Medizin.
Überkommene Kombination
Früher gehörten das Arztsein und der Doktortitel zusammen. Der Arzt war Doktor und der Doktor eben Arzt. Andere Doktortitel interessierten den normalen Bürger wenig. Erst seit dem immer mehr Ärzte auf die Promotion verzichten, fällt auf, dass Ärzte nicht zwangsläufig Doktoren sind. Andererseits kann offenbar ein Mensch durchaus Arzt sein, obwohl er kein Doktor ist. Erkenntnisse, die der Bürger erst in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat.
Ich selbst habe keine Promotionsarbeit geschrieben und kann mich noch gut an die ersten Jahre der Verwirrung bei meinen Patienten erinnern. Die Irritation ging soweit, dass manche meiner Patienten zwar annahmen, ich sei noch gar kein Arzt, aber sicher waren, ich würde diesen Mangel zu gegebener Zeit beheben. So lange wollten sie trotzdem meine Patienten bleiben, da ich sonst ja ein netter Mensch sei und in ihren Augen auch ein guter Arzt, nur eben noch nicht fertig.
Diese Zeiten sind vorbei. Verwirrung über den Arzt ohne Titel ist selten geworden.
Hintergrund
Die Promotion, also der Erwerb eines Doktortitels, soll nachweisen, dass ein Wissenschaftler in der Lage ist, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten und neue Erkenntnisse auf seinem Gebiet zu schaffen. Beides trifft auf den promovierenden Mediziner eher in Ausnahmefällen zu. Allein die Tatsache, dass die meisten Promotionsarbeiten während des Studiums fertiggestellt werden, also in der Zeit, in der die Mediziner noch naturwissenschaftliche Azubis sind, spricht schon dagegen, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits in der Lage sein könnten, sozusagen den Meisterbrief der Wissenschaft zu erlangen.
Die Doktorarbeit in der Medizin hat nur ein Ziel – den Titel – um ihn tragen zu können. Über welches Thema man schreibt oder geschrieben hat ist den meisten Ärzten vollkommen einerlei und tieferes Verständnis vom Thema ist ebenfalls nicht vorhanden. (Es gibt sicher Ausnahmen. Ich will niemandem zu nahe treten). Ehrlich gesagt, ist es in den allermeisten Fällen eines „normalen“ Krankenhausarztes oder Praxisarztes auch gar nicht nötig, dass ein Arzt die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten besitzt. Die weitaus meisten Mediziner arbeiten in ihrem Leben genau ein einziges Mal halbwegs wissenschaftlich und zwar zur Erlangung des Doktortitels, danach nie wieder.
Trotzdem kann ich verstehen, wenn junge Mediziner bis heute die Möglichkeit zum Erwerb eines Doktortitels ergreifen. Immerhin schmückt so ein Titel, schafft Respekt und Anerkennung, zumal wenn man als Arzt auf irgendeine Weise in der Öffentlichkeit zu tun hat, sei es in der freien Wirtschaft, in der Weiterbildung oder in den Medien. (weiterlesen …)

Sommer, Berge, Seen – ja

Blog nein!

www.der-andere-hausarzt.de geht in die Sommerpause, keine Blogeinträge, kein Twittern bis Mitte September.

Der nächste Artikel wird am 19. 9. 2011 auf www.der-andere-hausarzt.de erscheinen.

Titel: Braucht ein Arzt einen Doktortitel?

Beruf Landarzt – Ausweg aus dem Defizit

Nachtrag zur Artikelserie Beruf Landarzt -besser geht’s nicht

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung und dazu, wie sich das ärztliche Versorgungsdefizit in ländlichen Regionen gegenwärtig darstellt, bin ich der Ansicht, dass es kaum einen besseren Zeitpunkt gibt als jetzt, junge Mediziner für den Beruf des Landarztes zu interessieren und zu begeistern.

Die Chance liegt in den teils katastrophalen Arbeitsbedingungen für Ärzte (und Pflegekräfte, um die es hier nicht geht) vor allem in privat geführten Krankenhäusern. Das Elend auf der einen Seite könnte der Ausweg aus der Not auf der anderen Seite sein.

Um die Wende auf dem Land herbeizuführen, müssen die Niederlassungsbedingungen angepasst, durchschaubar und vor allem vereinfacht werden.

Die wichtigsten Punkte ergeben sich aus dem Fazit meiner 10-teiligen Artikelreihe “Beruf Landarzt – besser geht’s nicht”.

  1. Finanzielle Unterstützung einer Niederlassung auf dem Land oder in der Kleinstadt wie in Mecklenburg-Vorpommern (z. B. 50.000 Euro Starthilfe).
  2. Zusammenführen von 3 – 4 und mehr niederlassungswilligen Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis innerhalb einer größeren Region.
  3. Dazu aktives Anwerben von Ärzten in großen Krankenhäusern durch Vorstellung vorbereiteter Projekte (nebenbei: mehr Hausärzte auf dem Land, bedeuten weniger Belastung der Krankenhäuser durch weniger Einweisungen).
  4. Unterstützung im Praxis-, Sprechstunden- und Personalmanagement für 3 – 4 Quartale.
  5. Umsatzgarantie von 70 Euro pro Patient und Quartal für 2 Jahre ohne Nachweis einer Einzelabrechnung!!! In dieser Übergangszeit kostenlose Weiterbildung für die Praxiseigentümer in Sachen Optimierung von Praxisführung und Praxisorganisation, sowie Einführung in die Geheimnisse der normalen Abrechnung ab dem 3. Jahr.

Der Standespolitiker oder Gesundheitspolitiker, der glaubt, dass gerade der letzte Punkt nicht bezahlbar ist, der outet sich als jemand, der das Abrechnungssystem darauf baut, dass es nicht verstanden wird und so durch Unwissenheit Geld gespart wird.

Soll heißen: Wenn ein niedergelassener Landarzt das Abrechnungssystem gänzlich verstanden hat und es anwenden kann, liegt er ohnehin nahe bei einem Scheinschnitt von 70 Euro. (weiterlesen …)

Beruf Landarzt – besser geht’s nicht (10)

Schlussbemerkungen

Über das Thema Landarzt gäbe es noch viel zu sagen, zumal mit meiner zur Zeit ganz frischen Erfahrung einer Zweigpraxis. Aber zehn Teile Beruf Landarzt – besser geht’s nicht sollen genug sein.

Zur Auflösung der Fragenaktion.

Zunächst einmal sage ich Danke fürs Mitmachen. Die Kommentare zeigen, dass das Thema einerseits interessiert, andererseits Unsicherheit herrscht. Überraschend war, wie positiv der Beruf des Landarztes nicht nur von mir gesehen wird. Allerdings gab es auf meinem „Filialblog“ bei DocCheck auch deftige negative Kommentare.

Der Traum ist wahr

Klar ist, dass der Traum, wie ich es genannt habe, kein Traum ist. Die Wirklichkeit kann so laufen. Vieles von dem, was ich geschildert habe, trifft abgewandelt auf mein Praxisleben zu.

Aber was ist unwahrscheinlich an meiner Schilderung?

  • Das Finanzielle ist es nicht. Die betriebswirtschaftlichen Rechnungen sind alle praxisnah, damit auch der mögliche Verdienst. Kommentatoren haben dies bestätigt. Damit hat die Aussage 10.000 Euro und mehr im Monat Einkommen keine kurzen Beine, wie ein AxelTausch auf DocCheckBlog so nett behauptete.
  • Geregelte Arbeitszeiten und genügend Urlaub sind ebenfalls kein Traum. Wir handhaben das seit über 20 Jahren so. In Zeiten übermäßiger sportlicher oder schriftstellerischer Ambitionen habe ich mir sogar Extra-Jahresurlaub von den Kollegen „gekauft“. Vieles ist in einer Gemeinschaftspraxis möglich.
  • Subvention? In Mecklenburg-Vorpommern subventioniert die Kassenärztliche Vereinigung neue Landärzte mit 50.000 Euro.
  • Die Arbeit macht Spaß. So geht es einigen Kommentatoren, und ich kann das für die letzten 24 Jahre bestätigen. Natürlich gibt es auch Ärger, Stress und nervige Zeiten. Aber die Freude überwiegt bei weitem. Das liegt m. E. vor allem an drei Dingen:
    a) an der Zusammenarbeit mit Kollegen, jederzeit mit der Möglichkeit von „Spontan-Konsilen“
    b) am persönlichen Verhältnis zu den meisten Patienten und ihren Familien
    c) das eigenverantwortliche medizinische Arbeiten (ich bin mein eigener Herr und das ist mir in medizinischen Angelegenheiten so viel wert, das mich niemand mehr zum Arbeiten ins Krankenhaus zerren könnte. (weiterlesen …)

Eine Frage zwischendurch!

Die Serie “Beruf Landarzt – besser geht’s nicht” ist an einen Punkt gekommen, an dem sich Realität und Traum mischen.

Hat jemand eine Idee, was eigentlich das Unwahrscheinlichste an der von mir konstruierten neuen ärztlichen Versorgung in Dorf A ist?

Es gibt ja reichlich Behauptungen, z.B.:

  • Umsatz pro Schein 63 Euro
  • die Ärzte strömen in meinem Beispiel nur so aufs Land
  • die Kassenärztliche Vereinigung subventioniert Niederlassungen
  • Arbeits- und Urlaubszeiten werden eingehalten
  • jeder Vollzeitarzt verdient etwa 10.000 Euro bei relativ normalen Arbeitszeiten
  • die Arbeit macht Spaß
  • u.v.a.m.

Bitte im Kommentar äußern, welcher Teil vollkommen märchenhaft erscheint.